© Oliver Peter Graber

Im Gespräch mit Oliver Peter Graber, Komponist, Forscher und Experte für interdisziplinäre Kooperation

Welche Themen bevorzugten österreichische Mäzene in vergangenen Jahrhunderten?

Musik, bildende Kunst und dabei vor allem die Architektur kommen hier ebenso in den Sinn wie Sammlungen aller Art, Bildung, Naturwissenschaft oder die Heilkunde bzw. Soziales. Insbesondere in der Verbindung von Medizin und Kunst könnte man vielleicht sogar eine Art Österreichische bzw. Wiener «Spezialität» verorten – mit Persönlichkeiten wie Eduard Albert, dem heute völlig unbekannten «Gegenspieler» von Theodor Billroth, der nicht nur Arzt, sondern auch Dichter bzw. Literat, Übersetzer, Verleger und Mäzen war. Unter den Sammlungen ragt die Albertina in Wien hervor, die von Beginn an nicht nur der Repräsentation und privaten Erbauung, sondern der Erziehung und dem Wohle der Menschheit dienen sollte – was für ein wunderbarer Gedanke in einer Zeit, in der Musik und Kunst vor allem kommerziell, sei es als musikindustrielles Produkt oder Investition bzw. Objekt der Spekulation, betrachtet wird.

Was waren die hauptsächlichen Merkmale des Mäzenatentums in Österreich in der Vergangenheit?

Die Mäzeninnen und Mäzene erwiesen sich größtenteils als Kennerinnen und Kenner der von ihnen geförderten Materie, sei es Kunst oder Wissenschaft. Auch enge persönliche Beziehungen und Bindungen an die jeweils geförderten Personen sind ein charakteristisches Merkmal und das Fördern im «Familienverbund». Lassen Sie mich dabei nur an Ludwig van Beethoven erinnern: Ohne das Engagement von Erzherzog Rudolph von Österreich und die Fürsten Ferdinand Kinsky und Franz Joseph Lobkowitz wäre Beethoven vielleicht erst gar nicht in Wien geblieben, sondern nach Kassel abgewandert. Aus dieser Epoche muss auch an Maria Wilhelmine von Thun und Hohenstein erinnert werden – sie bildet als Gönnerin W.A.Mozarts und Beethovens, der überhaupt das «Who is Who» des Mäzenatentums seiner Tage um sich zu sammeln wusste, sogar eine «Klammer» um die Epoche der Wiener Klassik. Und am Beispiel zweier ihrer Töchter – nämlich Maria Elisabeth, die den Fürsten Andrei Kirillowitsch Rasumowski und Maria Christiana Josepha, die den Fürsten Karl Alois Johann Nepomuk Vinzenz Leonhard Lichnowsky ehelichten – setzte sich die mäzenatische Unterstützung Mozarts und Beethovens bzw. weiterer sogar «dynastisch» fort.

Wie hat sich die Wahrnehmung des Mäzenatentums in Österreich im Laufe der Jahrhunderte verändert? Wer waren die berühmtesten Mäzene der Kunst und Musik in Österreich?

Im Laufe der Zeit ist das Mäzenatentum in Österreich viel öffentlicher geworden, sozusagen aus dem Wirken im Verborgenen ins Offene getreten. Was mäzenatische Prominenz betrifft, so fehlt große und größte nicht und selbst eine knappe Auswahl fällt schwer: Das Haus Habsburg habe ich bereits genannt, ebenso die Namen Kinsky, Lichnowsky, Lobkowitz sowie Thun und Hohenstein. Zu dieser führenden Gruppe zählen selbstverständlich auch Esterházy, Harrach, Liechtenstein und Schwarzenberg, um nur die allerbekanntesten zu nennen, wobei ich um Verständnis bitte, dass ein weiteres Namedropping müßig wäre. Ein österreichisches Kuriosum ist dagegen vielleicht der starke Anteil der Brauereibranche: Sowohl die Familien Bachofen von Echt wie auch Kuffner und Reininghaus zählen zu den bekanntesten, mit Gerngroß, Lederer – ein weiteres Mal auch Hochprozentiges (Spirituosen) – oder Lieben waren aber natürlich auch andere Geschäftszweige vertreten. Immer wieder treten auch Frauengestalten hervor: Bloch-Bauer, Knips oder Zuckerkandl – wenn wir an Agnes Essl, Eliette von Karajan oder Brigitte Stradiot denken, ist das bis heute so.

Was sind die Merkmale des österreichischen Mäzenatentums heute und wo sehen Sie die wichtigsten Entwicklungen?

Die bereits vorhin angesprochene Tendenz zum «öffentlich Werden» hat sich durch die modernen Medien bzw. das Internet verstärkt, vervielfältigt und beschleunigt. Dabei spielt die sichtbare Aussenwirkung des Engagements und das damit verbundene positive Image eine entscheidende Rolle. Neben Privatpersonen treten auch zunehmend Unternehmen bzw. Unternehmensgruppen und (öffentliche) Organisationen hervor. Neue Plattformen – wie etwa die Kärntner Kulturstiftung, um nur ein Beispiel zu nennen – formieren sich und erhöhen die Vernetzung; auch die Internationalisierung sieht sich verstärkt.

Welche Rolle spielen öffentliche Institutionen bei der Entwicklung des Mäzenatentums in Österreich?

Die «öffentliche Institution» Österreichs, und das seit 35 Jahren, ist der Maecenas, die Auszeichnung für erfolgreiches Kunst- und Kultursponsoring. Die Initiativen Wirtschaft für Kunst (IWK) mit ihrem «Dynamo» Brigitte Kössner an der Spitze haben Enormes geleistet. Ich bin dankbar mit Christian Kvasnicka, der die Skulpturen für den Preis gestaltet, verbunden zu sein, wie auch die 25. Maecenas Gala künstlerisch mitgestaltet zu haben, so erlebte ich die Entwicklungen seit 1999 unmittelbar. Wenn etwas fehlt, so wäre es ein «Maecenas» für Naturwissenschaft und Medizin bzw. weitere Felder. International wirken wie bereits erwähnt auch (online-)Plattformen wie etwa der Arts Buyers Club stärker herein.

Welche Kulturstätten profitieren heute vom Mäzenatentum in Österreich?

Das würde erneut eine sehr lange Liste allein in Wien ergeben – darf man etwa zum Thema Verbindung von Musik und Medizin daran erinnern, dass das Horst Haschek Auditorium im Wiener Musikverein nicht aus Zufall nach einem Urologen benannt ist? Weitere große und kleine Wiener Häuser – von Museum über Konzert zu Theater – zählen ebenso zu den Profiteuren. Um auch in andere Bundesländer zu blicken: Die Salzburger Festspiele, die Osterfestspiele Salzburg oder die Tiroler Festspiele Erl sind weitere herausragende Beispiele. Hans-Peter Wild etwa stellte den Salzburger Festspielen erst 2023 bis zu 12 Millionen Euro zu Verfügung – die bisher höchste Einzelzuwendung in deren Geschichte. Dazu gibt es in ganz Österreich eine rege Festivalszene – kaum noch ein Ort, oder überspitzt gesagt, eine Burgruine oder ein Dorfstadel, wo es kein Festival gäbe. Dabei treten oft auch wieder Unternehmen ins Rampenlicht: Erwähnen möchte ich etwa das Festival «Kunst im Werk» der Treibacher Industrie AG, wo ich 2018 selbst künstlerisch tätig war. Bei diesem Festival verwandelt sich die FL-Produktionsanlage der Treibacher Industrie AG in Althofen für einen Abend in einen Konzertsaal mit atemberaubender Industriekulisse. Erinnern sollte man auch an den Ausbildungsbereich und damit an Universitäten bzw. Privatuniversitäten als Profiteure. Dabei darf ich vor allem der Carl Bechstein Stiftung und der Österreichischen Gesellschaft vom Goldenen Kreuze danken, die durch ihr großzügiges Engagement das Forschungsinstitut für Musikmedizin mit Schwerpunkt Arts for Health an der JAM MUSIC LAB Private University in Wien möglich machen und damit meine dortige Arbeit.

Welche aktuellen Herausforderungen muss das Mäzenatentum in Österreich bewältigen?

Die Nachwehen der Weltfinanzkrise von 2007-08 sind zu managen, denn diese stellte eine Zäsur dar; Pandemie und die leider ebenso unzähligen wie unsäglichen Konflikte unserer Zeit machten und machen es selbstredend weder leichter noch besser. Auf uns zu kommt dabei auch noch die Künstliche Intelligenz (KI): Man darf nicht übersehen, weiterhin den Menschen und sein ernsthaftes Schaffen ins Zentrum des Engagements zu stellen und nicht Modetrends oder KI.

Oliver Peter Graber dankt Herrn Dr. Ernst Castellitz (Universität Wien, Leiter des StudienServiceCenter Lebenswissenschaften), herzlich für seinen Expertenbeitrag als Verfasser der Dissertation „Unternehmer als Kunstförderer: Mäzene und Sammler – ein Vergleich anhand von ausgewählten österreichischen Beispielen um 1900 und um 2000“ (Wien, 2021) zu diesem Thema.

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