Entwicklung, die bleibt: Ein Gespräch über Verantwortung und Wirkung – mit Valentina Beeler, Programmmanagerin der Suyana Stiftung

Frau Beeler, könnten Sie sich bitte kurz vorstellen und uns etwas über Ihren beruflichen Hintergrund erzählen?
Ich bin eine engagierte Fachperson, die sich mit viel Neugier und Verantwortungsbewusstsein für globale Fragen der Ernährung und nachhaltigen Entwicklung einsetzt. Seit fast drei Jahren arbeite ich bei der Stiftung Suyana, wo ich mich täglich dafür einbringe, langfristige und gerechte Lösungen im Bereich Ernährungssicherheit und Lebensmittelsysteme voranzutreiben.
Während meines Studiums der Internationalen Beziehungen habe ich entdeckt, wie stark mich diese Themen faszinieren - und wie sehr ich mich dafür einsetzen möchte, dass Menschen weltweit Zugang zu gesunden und nachhaltigen Lebensgrundlagen haben.
Bevor ich zu Suyana kam, war ich in einer internationalen Organisation tätig. Dort konnte ich wertvolle Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit sammeln, die meinen Blick auf globale Herausforderungen geschärft und meinen beruflichen Weg entscheidend geprägt haben.
Wie sind Sie zur Stiftung Suyana gekommen und was motiviert Sie persönlich an Ihrer Arbeit?
Nach über zwei Jahrzehnten engagierter Arbeit in Peru und Bolivien, wo seit 2003 unser holistisches Programm "Healthy Municipalities" entwickelt wurde, hat der Stiftungsrat beschlossen, die Erfahrungen der Stiftung in einen neuen Kontext einzubringen und schrittweise auch in Afrika aktiv zu werden. Gesucht wurden dafür Menschen, die den Aufbau einer lokalen Präsenz mit Engagement, Eigeninitiative und Verantwortungsbewusstsein begleiten.
Mich motiviert besonders dieser Aufbauprozess: Wir beginnen bewusst klein, lernen vor Ort und entwickeln die Projekte gemeinsam mit lokalen Partnern und Stakeholdern pragmatisch und "hands-on" weiter. Dabei stehen Vertrauen, Zusammenarbeit und lokale Expertise im Mittelpunkt. Zu sehen, wie daraus Schritt für Schritt nachhaltige Strukturen entstehen, ist für mich jeden Tag aufs Neue inspirierend.
Könnten Sie uns einen Überblick über die Mission und die Grundwerte der Stiftung Suyana geben?
Die Stiftung Suyana zeichnet sich durch einen klaren Fokus auf ländliche und besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen in Ländern mit niedrigem Einkommen aus. Im Mittelpunkt steht dabei konsequent der Ansatz der Hilfe zur Selbsthilfe: Suyana arbeitet auf der Basis von Vertrauen und der Überzeugung, dass nachhaltige Veränderungen nur dann Bestand haben, wenn sie aus der Gemeinschaft selbst heraus entstehen.
Ein weiteres Merkmal, das Suyana prägend macht, ist der Anspruch, kontinuierlich zu lernen. Programme werden nicht statisch umgesetzt, sondern fortlaufend überprüft, angepasst und weiterentwickelt, damit sie den tatsächlichen Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung entsprechen. Diese Lernkultur geht Hand in Hand mit einer starken Verankerung im Feld: Das Team ist eng mit den Projekten und den Menschen vor Ort verbunden, was eine praxisnahe, kulturell sensible und wirksame Arbeit ermöglicht.
Aufbauend auf über zwanzig Jahren Erfahrung in Südamerika überträgt Suyana ihr Wissen heute in neue Kontexte - stets mit dem Bewusstsein, dass lokale Expertise unverzichtbar ist. Diese Kombination aus langjähriger Erfahrung, lokalem Vertrauen, Lernbereitschaft und echter Nähe zu den Gemeinschaften verleiht der Stiftung Suyana ein klares, unverwechselbares Profil.
Was ist das Hauptziel des Projekts „Villages of Hope" in Ruanda?
Rund 70 % der Bevölkerung in Ruanda lebt von der Landwirtschaft - meist zur Selbstversorgung. Deshalb ist die Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion ein entscheidender Hebel, um Ernährung und Gesundheit zu stärken.
Bessere Ernährung wirkt sich direkt auf die Entwicklung von Kindern aus, etwa auf ihre Konzentrationsfähigkeit in der Schule. Gleichzeitig fördern nachhaltige Anbaumethoden die Bodenqualität und Aufforstung, was langfristig positive ökologische Effekte hat.
Diese Veränderungen erreichen wir durch praxisnahe Trainings, Demonstrationen und den Austausch zwischen Kleinbauern und Kleinbäuerinnen - getragen von Fachpersonen, denen die Menschen vor Ort vertrauen.
Welche konkreten Herausforderungen begegnen den Gemeinden, mit denen Sie arbeiten?
Viele Gemeinden haben nur begrenzten Zugang zu wichtigen Ressourcen - dazu gehören finanzielle Mittel, sauberes Wasser, landwirtschaftliche Betriebsmittel sowie funktionierende Bildungs- und Gesundheitssysteme.
Neben materiellen Einschränkungen bestehen häufig auch strukturelle Defizite beim Zugang zu technischem Wissen, in der Entwicklung von unternehmerischen Kompetenzen sowie in der Verfügbarkeit kollektiver Organisationsformen - etwa Plattformen, um sich auszutauschen, gemeinsam zu planen oder Produkte zu vermarkten.
Hinzu kommen externe Faktoren wie der Klimawandel, der sowohl die Lebensbedingungen verschärft als auch die Lebensgrundlagen der Bevölkerung zunehmend unter Druck setzt.
Wie unterstützt das Projekt die lokale Bevölkerung langfristig und nachhaltig?
Ein zentraler Ansatz ist der Aufbau von Strukturen, die auch nach Projektende weiterbestehen. Ein Beispiel dafür sind Spargruppen: Mitglieder legen regelmässig kleine Beträge zurück und entscheiden gemeinsam, wie das Geld investiert wird.
Diese Gruppen ermöglichen Investitionen in kleine Geschäftsideen oder Gemeinschaftsprojekte, die sonst nicht realisierbar wären. Gleichzeitig schaffen sie ein soziales Netz für Notfälle.
Noch wichtiger ist jedoch die Dynamik innerhalb der Gruppen: Vertrauen, gegenseitige Verantwortung und Zusammenarbeit wachsen mit der Zeit. Inzwischen geben erfahrene Gruppen ihr Wissen an neue Gemeinschaften weiter - ein starkes Zeichen dafür, dass die Ansätze nachhaltig wirken.
Welche Rolle spielen Bildung, Gesundheit und wirtschaftliche Selbstständigkeit im Projekt?
Die drei Arbeitsbereiche greifen ineinander und verstärken sich gegenseitig. Suyana fördert wirtschaftliche Selbstständigkeit, indem Familien lernen, effizienter zu produzieren, ihre Ressourcen gezielter einzusetzen und ihre finanziellen Mittel bewusst zu planen. Trainings in landwirtschaftlichen Methoden, Kleinunternehmertum und Financial Literacy bilden dafür die Grundlage. Gleichzeitig entstehen mit den sogenannten Food Banks gemeinschaftliche Strukturen, in denen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ihre Produkte bündeln, besser lagern und zu faireren Bedingungen vermarkten können - ein Ansatz, der lokale Wertschöpfung stärkt und Abhängigkeiten reduziert.
Mit steigendem Einkommen investieren Familien erfahrungsgemäss eher in Gesundheitsversicherungen und in die Bildung ihrer Kinder. Dadurch entsteht ein positiver Kreislauf, der weit über die unmittelbare Einkommenssteigerung hinausreicht und langfristig die Lebensqualität verbessert.
Was diesen Ansatz auszeichnet, ist die Kombination aus wirtschaftlicher Stärkung, gemeinschaftlicher Organisation und sozialer Absicherung - ein integriertes Modell, das nicht nur einzelne Probleme adressiert, sondern strukturelle Veränderungen ermöglicht und nachhaltige Entwicklung von innen heraus fördert.
Können Sie ein Beispiel für eine Erfolgsgeschichte aus dem Projekt nennen?
Ein eindrückliches Beispiel ist die Geschichte eines 65‑jährigen Familienvaters. Früher lebte seine Familie in extremer Armut: schlechte Ernten, verschmutztes Trinkwasser, häufige Krankheiten und oft nur eine Mahlzeit am Tag prägten ihren Alltag.
Durch das Projekt erhielt er Schulungen in moderner Landwirtschaft, Zugang zu verbessertem Saatgut sowie zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen. Zudem trat er einer Spargruppe bei. Entscheidend ist dabei die Kombination aus fachlichem Wissen, verbesserter Infrastruktur und finanzieller Selbstorganisation - ein Ansatz, der typisch für die Arbeitsweise von Suyana ist.
Heute erzielt seine Familie deutlich bessere Ernten und verfügt über ein stabileres Einkommen. Das Ersparte kann er gezielt in die Weiterentwicklung der Produktion, in Bildung und in Gesundheit investieren. Er selbst beschreibt, dass er neuen Mut gefasst hat und optimistisch in die Zukunft blickt. Darin zeigt sich ein zentrales Alleinstellungsmerkmal des Ansatzes: Es geht nicht nur um kurzfristige Unterstützung, sondern um eine nachhaltige Stärkung von Selbstvertrauen und Handlungsspielräumen.
Wie arbeitet die Stiftung Suyana mit lokalen Partnern zusammen?
Der Umsetzungspartner des Projekts "Villages of Hope“ in Ruanda ist die Organisation Dufatanye - eine Institution, die tief in den Gemeinden verwurzelt ist und dadurch eine Nähe schafft, die für nachhaltige Entwicklungsarbeit entscheidend ist. Dufatanye organisiert Trainings, begleitet Familien im Alltag und dokumentiert Fortschritte systematisch. Diese enge Verankerung im lokalen Kontext ist ein zentrales Merkmal des Projekts und zeigt, wie sehr Suyana auf Partnerschaften setzt, die nicht nur operativ funktionieren, sondern langfristig Vertrauen und Wirkung aufbauen. Die gemeinsame Lancierung der zweiten Projektphase für weitere drei Jahre unterstreicht genau diesen Anspruch: Entwicklung braucht Zeit, Kontinuität und verlässliche Beziehungen.
Ebenso prägend ist die Rolle lokaler Führungspersonen - auf Dorf- oder Nachbarschaftsebene. Sie kennen die Bedürfnisse der Menschen, helfen bei der Auswahl der Familien und tragen dazu bei, dass die Massnahmen kulturell verankert und langfristig tragfähig sind. Ihre Beteiligung sorgt dafür, dass das Projekt nicht als externe Intervention wahrgenommen wird, sondern als gemeinschaftlicher Prozess.
Auf institutioneller Ebene arbeitet Suyana zudem eng mit Behörden, Gesundheitszentren und lokalen Netzwerken zusammen. Diese Kooperationen stellen sicher, dass die Massnahmen nicht isoliert wirken, sondern in bestehende Strukturen eingebettet sind und dadurch eine nachhaltige Wirkung entfalten.
Kurz gesagt: Suyana setzt strategische Leitlinien, lokale Partner wie Dufatanye setzen um - und die Familien und Gemeinden selbst spielen von Anfang an eine aktive Rolle und tragen das Projekt nach dessen Abschluss weiter. Genau diese Kombination aus strategischer Begleitung, lokaler Umsetzungskraft und echter Gemeinschaftsbeteiligung bildet das unverwechselbare Profil dieses Ansatzes.
Welche Möglichkeiten gibt es für andere Organisationen oder private Förderer, sich zu beteiligen?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich an unserer Arbeit zu beteiligen - und jede davon trägt dazu bei, dass wir gemeinsam mehr Wirkung erzielen. Für Organisationen und private Fördernde bedeutet eine Zusammenarbeit mit Suyana vor allem eines: Teil eines Ansatzes zu werden, der langfristig denkt, lokal verankert ist und auf klaren Ergebnissen basiert.
Fachliche Partnerschaften ermöglichen es, Wissen zu bündeln und Lösungen weiterzuentwickeln. Finanzielle Beiträge wiederum schaffen die Grundlage dafür, dass zentrale Bausteine unserer Projekte umgesetzt werden können - von Infrastruktur über Schulungen bis hin zur Stärkung unserer lokalen Partnerorganisationen. Gerade für den weiteren Aufbau unserer Präsenz in Afrika sind Anschubfinanzierungen entscheidend.
Besonders wertvoll sind langfristige, verlässliche Partnerschaften. Sie geben Stabilität, ermöglichen Planungssicherheit und schaffen den Raum, um nachhaltige Veränderungen zu erreichen. Gleichzeitig legen wir grossen Wert auf Transparenz und eine Zusammenarbeit, die auf die Bedürfnisse und Erwartungen unserer Partner abgestimmt ist.
Ein Punkt ist uns dabei wichtig: Spenden fliessen zu 100 Prozent direkt in die Projekte; die Overhead-Kosten trägt Suyana selbst. Wer mit uns zusammenarbeitet, investiert also nicht nur in einzelne Massnahmen, sondern in ein Modell, das Wirkung, Verantwortung und lokale Stärke verbindet - und damit echte Entwicklung ermöglicht.