Institut für Agrarökologie - Wie können wir durch neue Absatzwege Chancen für eine nachhaltige Landwirtschaft schaffen?

Wie können wir durch neue Absatzwege Chancen für eine nachhaltige Landwirtschaft schaffen? Was ist Nachhaltigkeit? Wie lässt sie sich messen? Wie lässt sie sich steigern? Wie können Systeme und unser Verhalten überhaupt geändert werden? Das sind Fragen, die uns am Institut für Agrarökologie (IfA) beschäftigen.
Das Institut für Agrarökologie (IfA) ist ein gemeinnütziges, wissenschaftliches Beratungsinstitut. Es wurde 2020 gegründet, hat seinen Sitz in Aarau und zählt heute 10 Mitarbeitende. Wir haben das Ziel, maßgeblich zur tatsächlichen und wirksamen Nachhaltigkeit beizutragen; für Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft, Ökologie, Tierwohl, Biodiversität und eine gesunde Ernährung. Natur- und sozialwissenschaftliche Wahrhaftigkeit sind für uns dabei zentral: Wir folgen daher keinen Dogmen oder Ideologien, sondern nutzen objektive, nachweisbare Fakten. Wir haben die Hände in der Erde, denn wir sind selbst Teil der Landwirtschaft. Das bedeutet auch: Wir denken immer vom Hof bis auf den Teller und versuchen, das ganze Ernährungssystem in unsere Lösungssuche und Arbeit einzubeziehen. Zum Beispiel bei der ressourceneffizienten Nutzung des Graslandes, zum Beispiel beim Tierwohl…
Was das Weiderind mit der Milch zu tun hat
Ein konkretes Beispiel dafür, wie das Ernährungssystem als Ganzes gedacht werden kann, zeigt sich beim Weiderind. Die meisten Kälber aus der Milchviehhaltung gelangen als sogenannte Tränker in die konventionelle Kälber- und Großviehmast und verlassen somit bereits nach wenigen Wochen den Geburtsbetrieb. Gemäß Statistik vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) sind diese Kälber auf den höchsten Antibiotikaeinsatz in der gesamten Tierhaltung angewiesen. Dies zeigt einen gravierenden Systemfehler. Durch unser Engagement für das Weiderind fördern wir die Synergie der graslandbasierten Milch- und Fleischproduktion. Die Vorteile dieses Systems sind vielseitig: Das Grünland speichert viel Kohlenstoff im Boden und hat daher eine wichtige Funktion im Klimaschutz. Da das System kaum Kraftfutter benötigt und stattdessen Grasland verwertet, das für den Ackerbau ungeeignet ist, verbleiben die Ackerflächen für die direkte Produktion von Lebensmitteln, ganz nach dem Prinzip «Feed no Food». Der Flächenbedarf sinkt, was gut für die globale Biodiversität ist. Zudem trägt das System auch direkt zur regionalen Biodiversität bei, da durch die Weiderinderhaltung das Grünland und das Sömmerungsgebiet nachhaltig genutzt werden. Die Kälber bleiben länger auf dem Geburtsbetrieb und können dadurch ihr Immunsystem vor einem Betriebswechsel vollständig ausbilden, was ihre Gesundheit stärkt, den Antibiotikaeinsatz senkt und damit das Tierwohl verbessert.
Um mit dem System «Schweizer Weiderind» Tierwohl und Tiergesundheit von Kälbern und Rindern in der Schweiz systemisch zu verbessern, wollen wir daher ein neues Vorhaben starten: «Milchvieh und Weiderind». Durch landwirtschaftliche Beratung von der Aufzucht bis zur (Hof-)Tötung, Entwicklung von Unterrichtsmaterialien und die Sensibilisierung der Branche zum Thema wollen wir diese ökologisch und sozial hervorragende Form der Tierhaltung und Graslandnutzung verankern und in die Breite tragen. Denn wir wissen, Bildung und Beratung sind unerlässlich, genau wie neue Weichenstellungen im Ernährungssystem. Doch es braucht auch: Absatzmöglichkeiten.
Aktuell liegt der Marktanteil von Weiderindfleisch bei nur 1–2 %. Durch unsere Projektaktivitäten vernetzen wir daher auch Produzenten und Verarbeiter und schaffen neue Absatzkanäle. Nachdem erste Pilotprojekte in der Zentralschweiz und in Bern eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Gastronomiebetrieben gezeigt haben, wird dieser regionale Ansatz nun ausgeweitet.
Und was ist mit den Kunden? Was passiert mit neuen Absatzkanälen, wenn die Kundinnen nicht kaufen, oder nicht genug kaufen? Der Marktanteil von Bio-Produkten von 12,3 % ist seit einigen Jahren stagnierend und viele andere sehr engagierte Versuche der Vermarktung müssen auch wieder aufgeben. Der Kunde ist König; wir können sie nicht zwingen zu kaufen, was wir herstellen wollen. Leider sind Konsum und Ernährungsgewohnheiten nicht nachhaltig und die Ökologie spielt im Vergleich zu anderen Faktoren (z. B. dem Preis) bei den meisten Kaufentscheidungen eine untergeordnete Rolle. Endet die Geschichte daher am Restauranttisch? Am Point of Sale im Laden? Oder gibt es noch mehr, mehr als Essen…
Mehr als Essen: neue Wege für Konsumentinnen und Konsumenten
Mit dem Vorhaben «Mehr als Essen», eingebunden in das Solothurner Ressourcenprojekt Agrarökologie Schweiz, setzen wir genau hier an. Wir geben uns nicht damit zufrieden, zu akzeptieren, dass Konsumgewohnheiten so sind, wie sie sind, sondern wollen (durch Agrarökologie) neue Wege der Ernährungsbildung und Verhaltensänderung schaffen. Agrarökologie ist die (Wieder-)Verbindung von Konsumierenden mit der Landwirtschaft. Dadurch können neue Netzwerke entstehen, auch neue Zielgruppen erschlossen werden (siehe zum Beispiel die Feldfreunde in Liechtenstein). Durch Erfahrungswissen, durch gemeinsam tätig sein, wächst das Verständnis und neue Gewohnheiten können entstehen. Im Projekt gehen wir also der Frage nach, ob und wie Menschen ohne Verzicht, aber mit mehr Bewusstsein zu einer nachhaltigeren, ausgewogenen Ernährung im Alltag finden können. Über die Plattform «Taste the Future» können ab Juni 2026 Konsumentinnen und Konsumenten an der Landwirtschaft und an weiteren Maßnahmen teilnehmen. Aber Vorsicht: Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und der Erfolg gemessen. So wollen wir erfahren, wie dieser Weg funktioniert und dabei auch einen Leitfaden entwickeln, aus dem hervorgeht, wie es gelingen kann.
Wie ist dieser systemische, wissenschaftsbasierte Ansatz des IfA einzuordnen?
Das Vorhaben «Milchvieh und Weiderind» ist in Zusammenarbeit mit der Haldimann Stiftung geplant. «Mehr als Essen» wird in Synergie mit dem Ressourcenprojekt Agrarökologie Schweiz umgesetzt. Wir freuen uns über den Austausch mit allen Organisationen, die ähnliche Fragen bewegen und über vielfältige Zusammenarbeiten. Eine Übersicht über unsere laufenden gemeinnützigen Projekte finden Sie hier: Link
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