Interview mit André Poulie – Gründer der Theodora-Stiftung

Bitte erzählen Sie uns etwas über Ihren Werdegang und wie es dazu kam, dass Sie die Stiftung Theodora gegründet haben. Was war der entscheidende Moment, in dem diese Idee in Ihrem Kopf zu einem konkreten Projekt wurde?
Ich bin in der Schweiz mit meiner Mutter Theodora aufgewachsen, die eine außerordentliche Gabe hatte, anderen Freude zu bereiten. Als ich zehn Jahre alt war und nach einem schweren Unfall im Spital lag, besuchte sie mich und verwandelte ganz selbstverständlich die Atmosphäre im Zimmer durch Geschichten, Lachen und Fantasie – nicht nur für mich, sondern für alle Kinder um mich herum.
Nach ihrem Tod im Jahr 1992 wollten mein Bruder Jan und ich ihr Andenken auf sinnvolle Weise ehren. Der entscheidende Moment kam im Winter 1993. Plötzlich erinnerte ich mich an einen Artikel, den ich Jahre zuvor in den Vereinigten Staaten über Spitalclowns gelesen hatte, die von Michael Christensen, auch bekannt als Dr. Stubs, ins Leben gerufen worden waren. Da machte es bei mir sofort «Klick». Mir wurde klar, dass das, was meine Mutter den Kindern im Spital ganz natürlich gegeben hatte, vielleicht zu einer echten Mission werden könnte, die von professionellen Künstlerinnen und Künstlern getragen wird. Mit der Unterstützung des Universitätsspitals in Lausanne (CHUV) starteten wir ein Pilotprojekt, und der allererste Besuch der Traumdoktoren fand am Geburtstag meiner Mutter, dem 20. April 1993, statt. Die Resonanz war so positiv, dass kurz darauf die Stiftung Theodora ins Leben gerufen wurde.
Die Stiftung trägt den Namen Ihrer Mutter, Theodora. Wie würden Sie sie beschreiben und welche Rolle spielte sie bei der Inspiration für das Leitbild der Stiftung?
Meine Mutter Theodora war ein unglaublich herzlicher, einfallsreicher und großzügiger Mensch. Sie war eine begabte Pianistin, und Musik spielte eine sehr wichtige Rolle dabei, wie sie mit anderen in Kontakt trat und Freude in ihrem Umfeld verbreitete. Sie hatte die natürliche Gabe, Menschen zu trösten und zum Lächeln zu bringen, besonders in schwierigen Zeiten.
Sie hatte die bemerkenswerte Gabe, schwierige Situationen in Momente der Verbundenheit, der Unbeschwertheit und der Hoffnung zu verwandeln. Ob mit ihrer Familie, Freunden oder Kindern im Spital – sie wusste instinktiv, wie sie den Menschen in ihrer Umgebung Trost und Freude schenken konnte.
Die Mission der Stiftung Theodora ist tief von ihrem Geist geprägt. Mit den Traumdoktoren wollten wir das fortsetzen, was ihr so selbstverständlich gelang: Kindern im Spital und ihren Familien Freude, emotionale Erleichterung und Momente der Ablenkung zu schenken. Wir sagen gerne, dass sie die erste Traumdoktorin war.
Wie sahen die ersten konkreten Schritte am Universitätsspital Lausanne ganz am Anfang aus – von den ersten Spitalbesuchen bis zur Gründung einer professionell geführten Stiftung?
Am Anfang bestand die größte Herausforderung darin, dass es dieses Konzept in der Schweiz noch nicht gab. Mein Bruder Jan und ich nahmen Kontakt zum CHUV in Lausanne auf und trafen den Onkologen Dr. Daniel Beck. Er erkannte sofort, wie wichtig es ist, sich nicht nur um den Körper des Kindes, sondern auch um sein emotionales Wohlbefinden zu kümmern. Unterstützt wurden wir auch von Christa Tébbe, der Oberschwester, die mich Jahre zuvor nach meinem Unfall betreut hatte und sich noch gut an die Besuche meiner Mutter im Spital erinnerte.
Gemeinsam starteten wir 1993 ein dreimonatiges Pilotprojekt. Der allererste Besuch der Traumdoktoren fand am 20. April statt, dem Geburtstag unserer Mutter Theodora, als Dr. Panosse und Dr. Bobo die kleinen Patientinnen und Patienten auf der Kinderstation besuchten. Die Resonanz war außergewöhnlich – Kinder, Eltern und das Pflegepersonal waren von diesen Momenten des Lachens und der Ablenkung tief berührt. Der erste Besuch fand zudem große Beachtung in den Medien, was dazu beitrug, das Projekt sehr schnell bekannt zu machen. Diese Sichtbarkeit war auch entscheidend, um weitere Unterstützerinnen zu gewinnen. Damals waren Besuche von Künstlerinnen und Künstlern in Gesundheitseinrichtungen im Rahmen des Programms in der Schweiz völlig unbekannt. Wir mussten nicht nur erklären, was wir tun wollten, sondern auch, warum das emotionale Wohlbefinden ein wesentlicher Bestandteil der Betreuung eines Kindes ist.
Angesichts dieses Erfolgs und der wachsenden Nachfrage seitens der Spitäler wurde uns klar, dass diese Initiative einem echten Bedarf entsprach. Das hat uns dazu bewogen, die Stiftung Theodora offiziell als gemeinnützige Stiftung zu gründen und regelmäßige Besuche der Traumdoktorinnen und Traumdoktoren in der ganzen Schweiz zu organisieren.

Wie verlief der Übergang von einer Schweizer Initiative zu einem Netzwerk unabhängiger Schwesterorganisationen in anderen Ländern (zum Beispiel in England, Spanien und Italien) konkret in der Praxis?
Die internationale Entwicklung der Stiftung Theodora verdankt sich sowohl einer einzigartigen Gelegenheit als auch einer gemeinsamen Überzeugung: dass die Welt der Kinder keine Grenzen kennt und dass jedes Kind in schwierigen Zeiten Momente der Freude, des Trostes und der emotionalen Unterstützung verdient.
Nach dem erfolgreichen Start des Traumdoktoren-Programms in der Schweiz nahmen mein Bruder und ich an einem internationalen Wettbewerb teil, den die Fluggesellschaft KLM anlässlich ihres 75-jährigen Jubiläums veranstaltete. Ziel des Wettbewerbs war es, «Bridge the World» zu verwirklichen, indem Projekte unterstützt wurden, die auf verschiedenen Kontinenten repliziert werden konnten. Überzeugt davon, dass unser Traumdoktoren-Programm perfekt zu dieser Vision passte, reichten wir unser Projekt unter fast 20'000 Einsendungen ein. Zu unserer großen Freude wurde es als einer der fünf Gewinner ausgewählt.
Diese Anerkennung bot uns die Gelegenheit, international zu expandieren, und mit der Unterstützung von Freunden aus unserem Internatsnetzwerk gründeten wir Stiftungen Theodora in Brasilien, Südafrika, Hongkong und der Türkei.
Da sich das Konzept immer wieder bewährt hat, konzentrierten wir unsere Bemühungen später auf Europa, wo nach und nach ein Netzwerk unabhängiger Schwesterorganisationen in Ländern wie England, Spanien und Italien entstand. Anstatt diese Organisationen direkt von der Schweiz aus zu leiten, entschieden wir uns für ein Modell, das es jeder Stiftung ermöglichte, sich an die lokale Kultur, das Gesundheitssystem und das Fundraising-Umfeld anzupassen, während sie gleichzeitig der gleichen Mission treu blieb: Kindern in Spitälern, spezialisierten Institutionen und anderen Pflegeeinrichtungen durch den Besuch professioneller Traumdoktorinnen und Traumdoktoren Freude, emotionale Erleichterung und Momente der Ablenkung zu schenken.
In der Praxis teilte die Schweizer Stiftung ihre Erfahrungen, Ausbildungsmethoden und ihr operatives Know-how und leistete zudem gezielte finanzielle Unterstützung, um den Aufbau und die Entwicklung von Aktivitäten in neuen Ländern zu fördern. Im Laufe der Zeit erlangte jede Organisation vollständige Unabhängigkeit, blieb aber durch gemeinsame Werte, regelmäßigen Austausch und das gemeinsame Engagement für das Wohlbefinden hospitalisierter Kinder Teil der großen Theodora-Familie.
Heute ist das Theodora-Netzwerk in sechs Ländern tätig. Im Jahr 2025 besuchten fast 190 professionelle Künstler Kinder in 180 Spitälern und spezialisierten Institutionen und schenkten mehr als 200'000 Kindern und ihren Familien ein Lächeln und emotionale Unterstützung. Zu sehen, wie sich eine in Lausanne begonnene Initiative zu einer internationalen Bewegung entwickelte, war einer der bereicherndsten Aspekte unserer Reise.
Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wo und wie Sie expandieren?
Die Welt der Kinder kennt keine Grenzen, und diese Überzeugung spielte eine wichtige Rolle bei der internationalen Entwicklung der Stiftung Theodora. In den Anfangsjahren halfen wir dabei, Initiativen für Clownarbeit im Gesundheitswesen in mehreren Ländern einzuführen und zu unterstützen, da es damals nur sehr wenige solcher Programme gab.
Heute haben sich die Künstlerinnen und Künstler in Gesundheitseinrichtungen weltweit etabliert, und die Expansion in neue Länder ist für uns keine strategische Priorität mehr. Unser Fokus liegt darauf, die Qualität und Wirkung unserer bestehenden Programme zu stärken und durch Zusammenarbeit, Forschung und Wissensaustausch zur Entwicklung des Fachgebiets beizutragen.
Die Ausrichtung des Healthcare Clowning International Meeting (HCIM) 2026 in Lausanne war ein eindrucksvolles Beispiel für diese Entwicklung. Die Zusammenkunft von 684 Teilnehmenden aus 46 Ländern zeigte, wie weit sich der Beruf entwickelt hat, und bestärkte uns in unserer Überzeugung, dass die Zukunft eher in der Zusammenarbeit als in der geografischen Expansion liegt.
Sie sind in Ländern tätig, in denen die Spendenkultur und die Spitalsysteme sehr unterschiedlich sind. Wo haben Sie die größten kulturellen Unterschiede beim Thema Fundraising erlebt?
Einer der größten Unterschiede, den wir beim Fundraising erlebt haben, zeigte sich sicherlich im Vereinigten Königreich, wo eine ausgeprägte Kultur des Spendens und der Unterstützung von Wohltätigkeitsorganisationen herrscht. Ob in der Schule oder durch das Vorbild ihrer Eltern – Kinder werden schon von klein auf darauf aufmerksam gemacht, dass Wohltätigkeitsorganisationen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen und Unterstützung benötigen.
Infolgedessen ist das Spenden tief im Alltag verwurzelt, und Fundraising ist oft die Haupteinnahmequelle für kleine und mittelgroße Wohltätigkeitsorganisationen wie Theodora UK. Dies schafft ein Umfeld, das für Philanthropie besonders günstig, aber auch hochprofessionell ist. Gute Fundraiser sind schwer zu finden und stellen für jedes Fundraising-Team einen wertvollen Gewinn dar.
Allgemeiner betrachtet haben wir gelernt, dass jedes Land seine eigenen Traditionen und Gewohnheiten hat, wenn es ums Spenden geht. Auch wenn die Beweggründe unterschiedlich sein mögen, haben wir festgestellt, dass Menschen überall bereit sind, eine Sache zu unterstützen, wenn sie deren Bedeutung verstehen und sich emotional damit verbunden fühlen.
Könnten Sie ein Beispiel nennen, bei dem eine Fundraising-Methode, die in der Schweiz gut funktioniert hat, für ein anderes Land erheblich angepasst werden musste?
Ein gutes Beispiel ist der Einsatz traditioneller Fundraising-Postsendungen. In der Schweiz hat sich der Versand von Newslettern und Spendenaufrufen per Post als wirksames Mittel erwiesen, um mit Unterstützern zu kommunizieren und Spenden zu sammeln. Dieser Ansatz funktioniert jedoch nicht in allen Ländern gleichermaßen gut.
In mehreren europäischen Ländern, insbesondere im Vereinigten Königreich, machen Vorschriften zum Schutz der Privatsphäre und personenbezogener Daten die Umsetzung solcher Fundraising-Strategien wesentlich komplexer und in manchen Fällen sogar riskant. Infolgedessen mussten diese Methoden an die lokalen Vorschriften und Fundraising-Praktiken angepasst werden.
Was jedoch überall wichtig bleibt, ist der menschliche Aspekt des Fundraisings. Ein persönlicher, authentischer und aufrichtiger Dankesbrief, der innerhalb einer Woche nach Eingang einer Spende versandt wird, kombiniert mit einer transparenten Berichterstattung über die Verwendung der Mittel, wird in jedem Land geschätzt und trägt dazu bei, dauerhafte Beziehungen zu Spendern aufzubauen.
Wenn Sie heute ein Spital besuchen und eine Traumdoktorin oder einen Traumdoktoren bei der Arbeit sehen, was geht Ihnen dann durch den Kopf, im Vergleich zu den allerersten Besuchen in Lausanne?
Jedes Mal, wenn ich ein Spital besuche und eine Traumdoktorin bzw. einen Traumdoktoren bei der Arbeit sehe, bin ich zutiefst bewegt und unglaublich dankbar. Natürlich denke ich sofort an jene allerersten Besuche in Lausanne im Jahr 1993, als alles noch ein Experiment war und wir keine Ahnung hatten, wie weit dieses Projekt gehen würde.
Was mich am meisten berührt, ist, dass trotz des Wachstums der Stiftung im Laufe der Jahre das Wesentliche genau dasselbe geblieben ist. Ich sehe immer noch Kinder, die, wenn auch nur für wenige Augenblicke, den Stress des Spitalaufenthalts vergessen. Ich sehe immer noch Eltern, die erleichtert lächeln, und medizinisches Personal, das die positive Atmosphäre schätzt, die durch die Besuche entsteht.
Es erinnert mich auch an meine Mutter Theodora, denn der Geist, den sie den Kindern im Spital ganz natürlich entgegenbrachte, als ich selbst dort lag, lebt heute noch bei jedem Besuch der Traumdoktorinnen und Traumdoktoren weiter. Zu sehen, dass diese einfache Idee so vielen Familien weiterhin Trost und Freude schenkt, ist für mich sehr bewegend.
