© Ursula Kuhn
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Interview mit Frau Ursula Kuhn, Gründerin und Präsidentin des Stiftungsrates der Stiftung Suyana

Ursula Kuhn, Sie sind Gründerin und Präsidentin des Stiftungsrates der Stiftung Suyana. Welcher ist Ihr Bildungsweg und wie sind Sie zu dieser beruflichen Herausforderung gekommen?
Ich habe die ersten 40 Jahre meines Lebens in der Schweiz verbracht und dabei eine tiefe Leidenschaft für das Erleben verschiedener Kulturen und Länder entwickelt. Gleichzeitig wurde mir das Privileg bewusst, in der Schweiz geboren zu sein, was meinen Wunsch verstärkte, weniger privilegierten Menschen zu helfen. Im Jahr 2000 nahm ich ein Sabbatical-Jahr, das mir die einzigartige Gelegenheit bot, mich intensiv mit Philanthropie zu beschäftigen. Inspiriert von philanthropischen Persönlichkeiten in der Schweiz beschloss ich, alternative Wege zu schaffen, um Familien und Gemeinschaften in extremer Armut in Bolivien und dann in Peru zu unterstützen. Diese Entscheidung führte schliesslich zur Gründung der Stiftung Suyana im Jahr 2003 und legte den Grundstein unserer 20-jährigen Geschichte. Mein betriebswirtschaftlicher Hintergrund, die unternehmerische Karriere sowie meine internationalen Erfahrungen erwiesen sich dabei als äusserst nützlich und halfen mir die Stiftung auf ein stabiles Fundament zu stellen.

Wann sind Sie zum ersten Mal mit der Philanthropie in Berührung gekommen?
Während meines Sabbaticals im Jahr 2000 traf ich auf Menschen die mich inspirierten, und mich motivierten mich der Philanthropie zu widmen und die Stiftung zu gründen. Diese Begegnungen und die darauffolgenden Erfahrungen insbesondere in Bolivien im Jahr 2003, öffneten mir die Augen für die dringenden Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung und legten den Grundstein für mein Engagement. Die erheblichen Unterschiede zwischen meinem privilegierten Leben in der Schweiz und der extremen Armut in Bolivien verstärkten meinen Wunsch, aktiv zu werden und einen positiven Beitrag zu leisten. Heute blicke ich auf eine 20-jährige Geschichte zurück und bin stolz darauf, dass die Stiftung Suyana in 7 Ländern und drei Kontinenten aktiv ist.

Die Stiftung Suyana ist eine international tätige Fördereinrichtung: Wie kam es zur Entscheidung, eine Stiftung nach Schweizer Recht zu gründen?
Dank meines lokalen Netzwerkes von gleichgesinnten Menschen in Zug und Umgebung, die die Gründung unterstützten, konnte die Stiftung gegründet werden. Die Entscheidung, die Stiftung Suyana nach Schweizer Recht zu gründen, beruhte auf dem Wunsch, der Stiftung eine solide und transparente rechtliche Struktur zu verleihen, die internationale Tätigkeiten ermöglicht und gleichzeitig von der Steuerbefreiung profitieren zu können. Das schweizerische Stiftungsrecht sowie die Rahmenbedingungen, welche wir hier vorfinden, bieten zudem den Vorteil, in verschiedenen Ländern operieren zu können und dabei unsere Schweizer Wurzeln zu positionieren. Darüber hinaus bietet uns die Nähe zu anderen globalen Stiftungen und der Privatwirtschaft in der Schweiz zahlreiche Vorteile und hilft uns zudem die richtigen Talente zu finden, welche wir für unsere Stiftung benötigen. Um unsere Projekte langfristig und nachhaltig zu gestalten, sind wir jedoch auf Drittmittel angewiesen.

Wann wurde sie errichtet? Ziele und Sitz?
Die Stiftung Suyana wurde 2003 in der Schweiz gegründet, mit ihrem Hauptsitz in Zug. Das Hauptziel der Stiftung besteht darin, weltweit Entwicklungs- und Hilfsprojekte zu fördern, insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Existenzsicherung. Unser ganzheitlicher Ansatz zielt darauf ab, Einzelpersonen, Familien und Gemeinschaften durch verbesserte Gesundheitsversorgung, Bildung und Lebensunterhalt zu stärken und nachhaltige Lebensweisen zu fördern.

Wer gehört dem Stiftungsrat an und wie viele Mitarbeitende gibt es?
Unser Stiftungsrat setzt sich aus einer hoch engagierten Gruppe von Experten zusammen, die vielfältige Fachkenntnisse und Perspektiven einbringen. Zu unseren Mitgliedern gehören Personen aus der Privatindustrie, dem Bereich Human Resources sowie dem Unternehmertum. Diese breite Aufstellung ermöglicht es uns, strategische Themen effektiv zu bearbeiten und den Zugang zu Partnern und wichtigen Kontakten auf globaler Ebene sicherzustellen. Insgesamt beschäftigt die Stiftung Suyana weltweit über 100 Mitarbeitende, verteilt auf drei Büros in der Schweiz, Bolivien und Peru.

Wie beschreibt die Stiftung ihre Aktivitäten?
Unsere Stiftung ist in sieben Ländern in Lateinamerika, Afrika und Europa tätig und setzt auf lokal verankerte Initiativen, da wir überzeugt sind, dass nachhaltige Veränderungen nur zusammen mit den Communities und unseren lokalen Teams und Partnern erfolgreich sein können. Unsere Projekte konzentrieren sich auf die Bereiche Gesundheit, Bildung und Lebensunterhalt. Im Bereich Gesundheit legen wir besonderen Wert auf die Veränderung von Gesundheitsgewohnheiten, Prävention und die Stärkung des öffentlichen Gesundheitssystems. Ein zentrales Element in der Umsetzung dieser Programme in Südamerika ist unsere Flotte der Zahnarztpraxen, welche zusammen mit Zahnärzten, Ärzten, Lehrpersonen und Agronomen im Feld im Einsatz sind. Dieser Ansatz hat es uns die letzten 20 Jahre ermöglicht, in abgelegenen Regionen, wo es an Grunddienstleistungen fehlt, im Einsatz zu sein und vor Ort die dringenden Herausforderungen gesamtheitlich anzugehen. Im Bildungsbereich verbessern wir den Zugang zu Bildung und unterstützen die Entwicklung von Wissen und Fähigkeiten. Wir sind stolz darauf, dass die Gemeinschaften, in welchen wir die letzten 20 Jahre aktiv waren, ihre Bildungsprogramme weiterentwickeln konnten und vielen Kindern und Jugendlichen einen positiven Zugang zu Bildung und Weiterbildung ermöglichen. Unsere Existenzsicherungsprojekte zielen darauf ab, stabile Einkommensquellen zu schaffen, eine vielfältigere Ernährung zu gewährleisten und das Umweltbewusstsein zu fördern. Zusammen mit den lokalen Bauernfamilien dürfen wir neue Ansätze entwickeln, welche sich den veränderten klimatischen Bedingungen widmen und Lösungen für nachhaltige und diverse Landwirtschaft aufzeigen.

Ein herausragendes Beispiel für unsere Aktivitäten sind die Vorzeigeprojekte in Bolivien und Peru, wo wir seit 20 Jahren präsent sind und bemerkenswerte Erfolge erzielt haben. Unser Programm „Gesunde Gemeinden – Programa Municipio Saludable“ hat zahlreiche Menschen positiv beeinflusst und wurde von den Gemeinden und offiziellen Regierungsstellen für seine nachhaltige Wirkung anerkannt. Wir arbeiten eng mit den lokalen Behörden auf verschiedenen Ebenen zusammen und werden als strategischer Partner geschätzt. Der Erfolg des Programms basiert auf der starken lokalen Verankerung und unserem ganzheitlichen Ansatz, der die Bereiche Gesundheit, Bildung und Lebensunterhalt umfasst. Unsere Projekte werden in Drei-Jahres-Zyklen durchgeführt. Ich bin stolz darauf, dass wir zusätzlich zu diesem bewährten Format nun neu Projekte in Afrika mit diesem Ansatz lanciert haben und dort mittels starker lokaler Partner im Einsatz sind.

Wie wird die Stiftung finanziert?
Die Finanzierung der Stiftung erfolgt durch eine Kombination aus privaten Spenden, Kooperationen mit Förderstiftungen aus der Schweiz und institutionellen Organisationen sowie durch die Unterstützung der Privatwirtschaft. Wir arbeiten eng mit erfahrenen, gleichgesinnten Partnern zusammen, die sich den ähnlichen Herausforderungen widmen wie wir. Durch diese vielfältigen Finanzierungsquellen können wir unsere Projekte nachhaltig umsetzen und weiter ausbauen.

Suyana ist seit über 20 Jahren in Südamerika aktiv und positioniert sich auch für neue Initiativen. Neben dem holistischen Programm, haben sie auch neue Projekte, für die sie Partner in der Schweiz und im Ausland suchen?
Ja, neben unserem bewährten holistischen Programm in Südamerika konnten wir neue Projekte in Peru lancieren, darunter auch unser neuestes Projekt, die Suyana School in Cusco, in der Nähe unseres peruanischen Stiftungssitzes. Die Suyana School wird jungen Menschen den Zugang zu nachhaltigen landwirtschaftlichen Praktiken ermöglichen und zur Erhöhung der Beschäftigungsfähigkeit von Jugendlichen in ländlichen Gebieten beitragen. Dies erfolgt durch die Bereitstellung von technischer, produktiver und betriebswirtschaftlicher Ausbildung in klimarobusten landwirtschaftlichen Praktiken in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Institut für landwirtschaftliche Innovation (INIA) in Peru. Das Projekt setzt auf einen kollaborativen Ansatz, der Partnerschaften mit philanthropischen Akteuren, der Privatwirtschaft und institutionellen Partnern ermöglicht, um das erforderliche Know-how zu liefern und Ressourcen zu mobilisieren.

Zusätzlich haben wir ein lokales Projekt in Bolivien lanciert, um lokale Kunsthandwerksgruppen zu stärken, indem ihnen Ressourcen, Schulungen und Zugang zu Märkten bereitgestellt werden, um ihre wirtschaftliche Nachhaltigkeit zu verbessern und gleichzeitig Boliviens reiches handwerkliches Erbe zu bewahren. Mit Unterstützung einer bolivianischen Expertin stellt Suyana fünf Kunsthandwerksgruppen – Julia, Pacha, Quiswara, Vida Nueva und Luz de Esperanza – Startkapital, technische Schulungen, unternehmerische Betreuung und Möglichkeiten zur Netzwerkbildung in der Wertschöpfungskette zur Verfügung.

Für diese Projekte suchen wir starke Partner aus der Privatwirtschaft, aus dem Bildungswesen, und Technologieanbieter, welche uns bei der Stärkung dieser Initiativen tatkräftig und finanziell unterstützen.

Welche Projekte fördern Sie in Afrika und wo sehen Sie Potenzial für eine Zusammenarbeit mit anderen Stiftungen und Partnern?
Wir sind in drei afrikanischen Ländern mit unserem holistischen Community Empowerment Programm aktiv, welches wir mit lokalen Partnern implementieren. Speziell möchte ich hier unser Projekt "Harvesting Hope" in Ruanda erwähnen. Dort unterstützen wir gezielt durch unseren lokalen Partner, die Einrichtung von landwirtschaftlichen Versorgungszonen sowie die Bildung von Kredit- und Spargruppen. Durch spezifisch entwickelte Schulungen vermitteln wir der lokalen Bevölkerung wertvolles Wissen und praktische Fähigkeiten, um nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken zu fördern. Die Einrichtung von Küchengärten trägt dazu bei, die Ernährungssicherheit zu verbessern und die Selbstversorgung zu stärken. Unsere Spar - und Leihgruppen sensibilisieren für den Umgang mit finanziellen Mechanismen und fördern damit die wirtschaftliche Stabilität.

Ein weiteres Projekt, das mir sehr am Herzen liegt, befindet sich in Uganda, wo wir im Soroti-Distrikt in Zusammenarbeit mit unserem Partner Bauernfamilien unterstützen. Die dortigen Massnahmen umfassen Schulungen in klimaresilienter Landwirtschaft und dem Management von Tierzucht, die Bildung von Spar- und Leihgruppen, die Einrichtung von Küchen- und Schulgärten sowie die Förderung von WASH (Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene) Massnahmen in Schulen und in den Haushalten. Diese Initiativen zielen darauf ab, die Lebensgrundlagen der Bauernfamilien nachhaltig zu verbessern und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber klimatischen Herausforderungen zu stärken.

Aufgrund dieser Vielfalt an Engagements auf dem Afrikanischen Kontinent haben wir uns nun entschieden dort unser erstes Büro zu gründen, um dem lokalen Implementationsmodell aus Südamerika zu folgen.

Und schliesslich unser Projekt auf dem griechischen Festland wo wir uns zusammen mit unserem lokalen Partner für den Zugang zu Lesehilfe und der Verbesserung der Sehkraft von Flüchtlingen und Asylsuchenden unter anderem aus dem afrikanischen Kontinent engagieren. Suyana’s Partnerorganisation Light without Borders erreicht durch ihre mobile Augenklinik (ein Modell, welches wir ja bereits seit vielen Jahren in Südamerika im Einsatz haben) diverse Camps und bietet Augenuntersuchungen, Brillenrezepte sowie die Organisation von Operationsterminen in schweren Fällen an. Die Initiative richtet sich an rund 30 Flüchtlingslager auf dem Festland, deren Gemeindezentren und Unterkünfte für unbegleitete Minderjährige. Dank unserer Unterstützung kann die mobile Klinik betrieben werden. Das lokale Team besteht aus der Gründerin des lokalen Partners und einem freiwilligen Augenarzt und Optometristen. Flüchtlingsfreiwillige helfen bei Screenings, Terminvereinbarungen, Übersetzungen und der Koordination in den Lagern. Das Projekt fördert sowohl die Augenpflege als auch die Interaktion zwischen Flüchtlingsgemeinschaften. Für dieses Projekt sind wir dran Partner aus der Privatindustrie zu aktivieren und zusätzlich mit Schweizer Förderstiftungen zu kooperieren, welche im Bereich Migration und Gesundheit engagiert sind.

Das Zusammenarbeitspotenzial mit anderen Stiftungen und der Privatwirtschaft sehen wir vor allem in der gemeinsamen Entwicklung und Durchführung von Schulungen, dem Austausch bewährter Praktiken sowie der Mobilisierung finanzieller und technischer Ressourcen und wo immer sinnvoll bei der lokalen Unterstützung mit Produkten und Dienstleistungen, welche im Zusammenhang mit den lokalen Bedürfnissen stehen. Um unsere Projekte nachhaltig gestalten zu können sind wir auf Drittmittel angewiesen.

Sie engagieren sich aktiv in der Zusammenarbeit, neben Stiftungen und privaten Spendern auch mit der Privatindustrie für Ihre Projekte. Wo sehen Sie Chancen, aber auch Herausforderungen für solche Kooperationen? Was möchten Sie damit erreichen?
Die Zusammenarbeit mit der Privatindustrie, die wir derzeit ausbauen, bietet zahlreiche Chancen, wie zum Beispiel den Zugang zu zusätzlichen Ressourcen, Fachwissen, Technologien, Produktunterstützung und finanziellen Mitteln, die unseren Projekten, Teams und letztlich den Gemeinschaften zugutekommen. In unseren Einsatzländern gibt es eine Vielzahl von Schweizer Unternehmen, die über ihre Corporate Social Responsibility-Programme Projekte vor Ort suchen, die sie unterstützen könnten. Suyana, als Schweizer Stiftung mit lokalen Strukturen und Know-how, bietet hier interessante Partnerschaftsmöglichkeiten in den Bereichen Gesundheit, Bildung und nachhaltige Landwirtschaft. Dabei begegnen wir der Herausforderung die unterschiedlichen Erwartungen abzustimmen stets mit Offenheit und Pragmatismus. Der Erfolg neuer Partnerschaften erfordert Geduld, Resilienz und Fingerspitzengefühl und natürlich auch eine gute Portion Glück, damit diese Kooperationen erfolgreich und langfristig umgesetzt werden können und die geplante Wirkung entfalten.

Auch in der Schweiz zeigen Sie ein starkes Engagement für die Förderung von Projekten im Bereich Bildung und Landwirtschaft.
Auch in der Schweiz sind wir seit vielen Jahren aktiv und unterstützen Projekte in den Bereichen Lebensunterhalt und Bildung. Wir finanzieren Initiativen von Schweizer Bauernfamilien und sind offen für neue Kooperationen mit Organisationen, die unsere Werte und Ziele teilen, um nachhaltige Veränderungen zu fördern.

Im Bildungsbereich unterstützen wir Programme, die die Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen und die berufliche Entwicklung auch von Erwachsenen fördern, indem wir berufliche Ausbildung, Praktika und erweiterten Bildungszugang anbieten. Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern streben wir an, eine widerstandsfähige und nachhaltige Zukunft für viele Menschen in landwirtschaftlichen Gemeinschaften auch in der Schweiz zu schaffen.

Ihre Vision für die Philanthropie der nächsten Jahre?
Meine Vision für die Philanthropie der nächsten Jahre ist es, einen noch größeren Einfluss auf die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen weltweit zu haben. Durch die Stärkung von Partnerschaften, die Nutzung innovativer Ansätze und die Förderung nachhaltiger Projekte möchte ich dazu beitragen, dass mehr Gemeinschaften Zugang zu den Ressourcen und Chancen erhalten, die sie benötigen, um ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen. Die Philanthropie der Zukunft sollte kollektiv, direkt, nachhaltig und wirkungsorientiert sein, um langfristige positive Veränderungen zu bewirken.

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