© Rainer Schlegel

Barrieren abbauen, Wirkung schaffen: Die Kraft gezielter Gesundheitsförderung

Herr Schlegel, könnten Sie uns Ihren beruflichen Werdegang schildern und erläutern, wie Sie Direktor der Straumann Group Foundation geworden sind?
Ich habe in meinen rund 40 Jahren in der freien Wirtschaft über zwanzig Jahre im Gesundheitssektor, insbesondere in der Medizintechnik, weltweit gearbeitet - und die letzten zehn Jahre in der Dentalbranche. Dabei durfte ich sehr unterschiedliche Perspektiven einnehmen: vom Marken- und Kommunikationsmanagement über Führungsaufgaben in strategischen Projekten bis hin zur internationalen Zusammenarbeit mit Fachkräften im Gesundheitswesen.

Über all diese Stationen hinweg blieb ein roter Faden konstant: eine persönliche Bescheidenheit und das Bewusstsein, dass wir privilegiert sind und der Gesellschaft etwas zurückgeben können.

Die Möglichkeit, die noch sehr junge Straumann Group Foundation ab Sommer 2025 leiten zu dürfen, sehe ich als idealen Abschluss meines beruflichen Weges. Hier kann ich Kommunikationstalent, Branchenexpertise, Führungserfahrung und mein persönliches Werteverständnis verbinden, um einen Beitrag zu leisten, der über wirtschaftliche Ziele hinausgeht - hin zu echter gesellschaftlicher Wirkung. Und als Stiftungsneuling lerne ich gleichzeitig jeden Tag etwas Neues, was meinem Naturell sehr entgegenkommt.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Ihre Sichtweise auf die Rolle von Stiftungen im gesellschaftlichen Kontext besonders geprägt?
Ein echter Augenöffner für mich war der Global Oral Health Status Report 2022 der WHO. Zu sehen, dass weltweit Milliarden Menschen an behandelbaren oralen Erkrankungen leiden und dennoch keinen Zugang zu Versorgung haben, hat meine Perspektive nachhaltig verändert. Dieser Bericht war einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe, meine Erfahrung noch stärker in den Dienst einer Mission zu stellen, die wirklich Leben verändern kann.

Hinzu kommt die persönliche Begegnung mit Menschen, deren Lebensqualität durch mangelnden Zugang zu oraler Gesundheitsversorgung massiv eingeschränkt ist. Man erkennt sehr schnell, wie eng Mundgesundheit mit Würde, Teilhabe und Bildungschancen verknüpft ist.

Schließlich habe ich erkannt, wie wirksam Stiftungen sein können, wenn sie langfristig denken, über Sektorengrenzen hinweg kooperieren und evidenzbasierte Programme fördern - auch jenseits rein wirtschaftlicher Kriterien. Stiftungen können Risiken eingehen, Innovationen ermöglichen und strukturelle Lücken schließen helfen - genau darin liegt ihr gesellschaftlicher Wert.

Was ist die zentrale Mission der Straumann Group Foundation und welche Themenfelder stehen im Vordergrund Ihrer Arbeit?
Unsere Mission ist einfach formuliert, aber anspruchsvoll in der Umsetzung: den Zugang zur Mundgesundheit verbessern, um die Lebensqualität für Menschen in Not zu erhöhen. Damit wollen wir dazu beitragen, dass Mundgesundheit kein Privileg ist, sondern für alle Menschen erreichbar wird. Dabei richten wir den Blick bewusst über die reine Behandlung hinaus und konzentrieren uns auf die Faktoren, die weltweit über Zugang entscheiden: Bewusstsein, Zugänglichkeit, Bezahlbarkeit und Verfügbarkeit.

Unsere Programme setzen deshalb dort an, wo Barrieren entstehen - sei es fehlendes Wissen über Prävention, mangelnde Infrastruktur, finanzielle Hürden oder schlicht der Mangel an qualifizierten Fachkräften. Indem wir Projekte fördern, die diese Hindernisse abbauen, stärken wir lokale Gesundheitssysteme und schaffen Voraussetzungen für langfristige Wirkung.

Unser Anspruch ist klar: nachhaltige Verbesserungen statt kurzfristiger Lösungen - Wirkung, die auch nach Ende eines Projekts Bestand hat.

Inwiefern unterscheidet sich die Straumann Group Foundation von anderen Unternehmensstiftungen in der Schweiz und international?
Was uns möglicherweise unterscheidet, ist unsere klare thematische Fokussierung und unser langfristiges Engagement in einem Bereich, in dem wir als Unternehmen und indirekt auch als Stiftung über tiefes Fachwissen verfügen. Wir agieren nicht als allgemeine Förderstiftung, sondern als spezialisierte Expertin für globale orale Gesundheit - dort sehen wir den größten Hebel für unser Engagement.

Darüber hinaus verbinden wir philanthropische Ansätze mit einem starken Bewusstsein für Systemwirkung. Wir fördern also nicht nur einzelne Projekte, sondern wollen lokale Strukturen stärken - durch Ausbildung, partnerschaftliche Modelle und langfristige Entwicklungsprogramme. Dank internationaler Reichweite und einer starken Fachcommunity können wir sowohl lokal verankert als auch global wirksam sein.

Warum spielen strategische Partnerschaften eine so zentrale Rolle in Ihrer Arbeit und wie definieren Sie deren Mehrwert?
Trotz Fokussierung - das Themenfeld, in dem wir tätig sind, ist so groß und komplex, dass niemand allein nachhaltige Wirkung erzielen kann. Wirkliche Veränderung entsteht erst dann, wenn Expertise, Ressourcen und lokale Netzwerke sinnvoll zusammengeführt werden. Deshalb sind strategische Partnerschaften unverzichtbar.

Sie ermöglichen nicht nur, mehr Menschen zu erreichen und Angebote von höherer Qualität bereitzustellen, sondern auch langfristige Wirkung aufzubauen - denn Partner, die tief in einer Region verankert sind, wissen, was vor Ort funktioniert und was nicht.

Ein oft unterschätzter Mehrwert liegt im gemeinsamen Lernen. Partnerschaften schaffen Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, sich ergänzen und verstärken. Man lernt voneinander, korrigiert Ansätze, entwickelt neue Ideen und versteht die lokale Realität besser. Das führt zu wirksameren und innovativeren Lösungen.

Partnerschaften sind für uns daher kein „nice to have", sondern zenral, um systemische Veränderungen anzustoßen - durch die Verbindung globalen Wissens mit lokaler Erfahrung.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Partnerorganisationen aus, und wie stellen Sie sicher, dass gemeinsame Werte und Ziele übereinstimmen?
Wir arbeiten mit einem klar definierten Auswahlprozess, der sowohl strategische als auch ethische Kriterien umfasst. Dazu gehören unter anderem:

  • Thematischer Fit: Der Partner und das Projekt müssen einen direkten Bezug zur Verbesserung der Mundgesundheit haben oder einen klaren Beitrag dazu leisten.
  • Werte & Governance: Transparenz, Integrität und eine solide Organisationsstruktur sind für uns unverzichtbar.
  • Systemische Wirkungsorientierung: Wir wählen ausschliesslich Partner, die ihre Wirkung messen und bereit sind, gemeinsam zu lernen und zu evaluieren. Projekte müssen lokal verankert sein und die Gemeinschaft systemisch und nachhaltig stärken - keine Einmalschüsse.

Bevor wir eine Partnerschaft eingehen, führen wir ausführliche Gespräche, prüfen Referenzen und entwickeln eine gemeinsames Wirkungsverständnis. So stellen wir sicher, dass Ziele und Erwartungen auf beiden Seiten übereinstimmen.

Die Zusammenarbeit mit der Stiftung Suyana ist ein Beispiel für eine Partnerschaft im Stiftungssektor. Wie kam diese Kooperation zustande und welche gemeinsamen Ansätze wurden entwickelt?
Tatsächlich spielte zu Beginn auch ein wenig Zufall eine Rolle: Meine Kollegin und Deputy Director Jana Erdmann und ein Mitarbeiter der Suyana Foundation kamen bei einem Anlass ins Gespräch und entdeckten sofort gemeinsame Themen. Aus diesem ersten Funken wurde jedoch rasch ein substanzieller Dialog.

Beide Stiftungen teilen die Überzeugung, dass Gesundheitsprogramme nur dann nachhaltig wirken, wenn sie individuelle Behandlung mit struktureller Stärkung verbinden und lokal verankert sind - insbesondere in Regionen mit stark eingeschränktem Zugang zu Versorgung.

In unseren Gesprächen zeigte sich schnell, wie gut unsere Ansätze zueinander passen. Suyana brachte ihre jahrzehntelange Erfahrung in der ganzheitlichen Entwicklungszusammenarbeit ein. Seit Beginn ihrer Arbeit in Südamerika ist dabei die Zahngesundheit ein zentraler Schwerpunkt. Wir ergänzen dies durch unsere Expertise in der oralen Gesundheit. Dieses gegenseitige Lernen führte zu einem gemeinsamen Verständnis: Wir wollen Versorgung nicht nur bereitstellen, sondern lokale Systeme so stärken, dass sie langfristig selbst tragfähig sind.

So verfolgen wir gemeinsam einen integrativen Ansatz, der medizinische Versorgung, Aufklärung und gemeinschaftsorientierte Entwicklungsarbeit verbindet - mit dem Ziel, lokale Strukturen wie Familie und Gemeinschaft zu stärken. Genau diese Komplementarität macht die Zusammenarbeit so wertvoll.

Für unsere Leser*innen: Könnten Sie kurz erläutern, welche Schwerpunkte die Stiftung Suyana verfolgt und wie diese zu Ihrer Arbeit passen?
Die Stiftung Suyana konzentriert sich auf langfristige Entwicklungsarbeit in ländlichen und unterversorgten Regionen, insbesondere in Lateinamerika, zunehmend auch in Afrika sowie in ausgewählten Kontexten in der Schweiz. Ihr Schwerpunkt liegt auf Gesundheit, Bildung und der Stärkung von Lebensgrundlagen, umgesetzt durch ein holistisches Programm - stets mit dem Ziel, lokale Strukturen und Gemeinschaften zu stärken und somit Menschen vor Ort zu befähigen, ihre Lebensbedingungen selbstbestimmt zu verbessern.

Ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit sind die eigenen Teams, welche die Programme umsetzen, die enge Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und Fachkräften, die aktive Einbindung der Gemeinschaften sowie die Stärkung lokaler Systeme.

Diese Ausrichtung passt hervorragend zu unserer Mission. Suyana bringt ein tiefes Verständnis für die lokale Realität, operatives Know-how, starke Netzwerke und jahrzehntelange Präsenz in Bolivien und Peru davon in den Regionen Cusco, Apurímac und Puno, mit. Wir ergänzen dies durch unsere Expertise in der oralen Gesundheit. Gemeinsam können wir Projekte realisieren, die Prävention, Versorgung, die Stärkung staatlicher Gesundheitseinrichtungen und nachhaltige Wirkung verbinden - wie aktuell in Peru, wo wir mit Suyana eine Dental Care Station und mobile Zahnkliniken aufbauen, um Menschen in abgelegenen Gebieten erstmals Zugang zu hochwertiger zahnärztlicher Versorgung zu ermöglichen.

© Rainer Schlegel

Welche allgemeinen Chancen und Herausforderungen sehen Sie in der Zusammenarbeit zwischen Stiftungen, unabhängig vom konkreten Partner?
Die größte Chance liegt darin, Kräfte zu bündeln. Gemeinsam können Stiftungen Risiken teilen, voneinander lernen und ihre Wirkung deutlich verstärken. Partnerschaften ermöglichen es zudem, Programme breiter aufzustellen und besser an regionale Gegebenheiten anzupassen - sei es in sprachlicher, kultureller oder gesetzlicher Hinsicht. Gerade der Austausch mit lokal verankerten Partnern erweitert den Blick und erhöht die Wirksamkeit von Lösungen.

Gleichzeitig bringt Zusammenarbeit auch Herausforderungen mit sich. Unterschiedliche Arbeitsweisen, Entscheidungsprozesse oder Reporting-Anforderungen können Abstimmungen komplexer machen. Deshalb sind klare Kommunikation, Transparenz und ein gemeinsames Verständnis von Zielen und Erwartungen entscheidend. Wenn es gelingt, diese Grundlagen zu schaffen, ohne die Agilität zu verlieren, entstehen Partnerschaften, die weit über die Summe ihrer Teile hinauswirken.

Welche übergeordneten Lehren können Stiftungen aus erfolgreichen Partnerschaften ziehen, um ihre Wirkung langfristig zu verstärken?
Aus erfolgreichen Partnerschaften lassen sich mehrere zentrale Lehren ableiten. Die wichtigste: Gemeinsame Wirkungsziele müssen über allem stehen. Wenn beide Seiten dieselbe Vision verfolgen und sich langfristig dazu bekennen, entsteht ein stabiles Fundament - auch in schwierigen Phasen.

Ebenso zentral ist die Beziehungsebene. Partnerschaften funktionieren nur, wenn Vertrauen, Offenheit und gegenseitiger Respekt gelebt werden. Das braucht Zeit und bewusste Pflege. Dazu gehört auch, Verantwortung zu teilen - für Erfolge ebenso wie für Herausforderungen und notwendige Anpassungen.

Schließlich zeigt sich immer wieder, wie entscheidend eine Kultur des Lernens ist. Wirksame Stiftungen messen ihre Ergebnisse, reflektieren gemeinsam mit ihren Partnern und justieren Programme fortlaufend. Dieses gemeinsame Lernen macht Lösungen robuster und steigert ihre Wirkung langfristig.

Wer diese Prinzipien ernst nimmt - gemeinsame Ziele, gelebtes Vertrauen und institutionell verankertes Lernen - stärkt nicht nur einzelne Projekte, sondern baut langfristig belastbare Partnerschaften auf, die gesellschaftliche Wirkung vervielfachen können.


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